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Mit meinem Kind

Komm, Herzenskind, an meine Brust,
Mein Erstgeborner, meine Lust!
Mich ziehn zu dir so süße Bande,
Als ob mir theure Stimmen riefen
Aus deines Schlummers heil'gen Tiefen,
Wie aus der eignen Kindheit Lande.
Will dich bis an mein Haupt erheben,
Du wunderzartes, liebes Leben,
Und will dir tief in's Antlitz sehn,
Will die verheißenden Geberden
Und deines jungen Odems Wehn
Mit ganzer Seele inne werden.
O stiller Wechselhauch der Seelen!
O Lust, der keine gleich zu zählen,
Wenn, an des Vaters Brust erwärmt,
Der Lebensgeister leises Quellen
Im Herz des Kindes wachsend ringt,
Wenn, von des Kindes Hauch verjüngt,
Ein Vaterherz in hohen, hellen
Zukunftgesichten glücklich schwärmt,
Und wie auf grünen Jugendauen
Lernt wieder hoffen und vertrauen,
Als hätt' im Kindlein es gefunden
Was es seit lange nicht empfunden.

Du, das mein Arm umschlungen hält,
Du nächstes Leben von der Welt!
Mit dir laß mich die Flügel breiten,
Mit dir im Geist durch Raum und Zeiten.
Wie nichtig sind uns ihre Schranken!
Zum Himmel reichen die Gedanken.
Siehst du die hohen Sonnen kreisen?
Hörst du der Weltgesänge Weisen,
Die all' den Einen tönend nennen,
Den Geist, dm sie frohlockend ahnen
In Sonnenlauf und Sternenbahnen?
Ihn sollst du lieben und erkennen,
Wie er mit wunderbarem Rath
Beschloß der Liebe ew'ge That,
Und hat in's arme Leibesleben
Sein Gottesbild als Angebinde
Dem Menschenkinde mitgegeben,
Daß in der zeitlichen Beschwer
Mit seiner Sehnsucht Heimbegehr
Den Ewigen es wieder finde. —
Daß du mir lieb, mein Fleisch und Blut,
Ein Strahl ist's seiner Liebesglut!
Ihr sollst du treu ein Zeuge werden;
Denn elend sind, die ihn nicht lieben,
Und ferne seinem Licht geblieben.
Blick' nieder zu der Heimatherden,
Aus der sein Mund die Keime ruft,
Wie dich die Mutter aus dem Traume,
Daß seine Frühlinge erstehen,
Um ihres Odems warmen Duft
Von weicher Blüthenlippen Saume
Zur frohen Menschenbrust zu wehen.
Heil dir, wenn du in seiner Kraft
Erkennst der Dinge Eigenschaft,
Die unter seines Himmels Zonen,
Vom Firn bis zu des Meeres Küsten,
In Paradiesen und in Wüsten
Zum Lobe seines Namens wohnen.
Sieh hin, wie Meer' und Lande, Kind,
Sich endlos um den Erdkreis winden;
Auch die, so noch nicht funden sind,
Die wird der Menschengeist noch finden,
Zu stärken seiner Macht Gewicht
Und Ruhm im Abend und im Morgen
Und preist, ob willig oder nicht,
Den Ewigen mit seinem Sorgen;
Wie er seit Anbeginn gerungen
Durch alle Zeiten, alle Zungen,
Auf Straßen, unter Segeltüchern,
In Kämpfen, Festen und in Büchern,
Der eignen Größe Glanz zu mehren —
Und baute baß dem Herrn zu Ehren.
Du herrlich Volk, ich denk' an dich,
Von dem Homers Gesänge zeugten,
An dich, deß Ahnherrn mütterlich
Der Wölfin Ammenbrüste säugten.
An manch versunk'ner Nation
Führ' ich vorüber dich, mein Sohn,
An wen'gen, die auf sichrem Steg
Erwählt der Weisheit schmalen Weg,
An vielen, die auf morschen Brettern,
Bedräut von der Vernichtung Wettern,
Noch ringen wider ihr Verberben,
Zum Blühn zu alt, zu jung zum Sterben,
Zerklüftet von der Zwietracht Blitz,
Unheimlich durch der Gegner Kreischen,
Die um der Herrschaft Einen Sitz
In hundert Lagern sich zerfleischen.
Und wie sie lebenslang gestrebt,
Und wie sie hoch ihr Sinnen stellten,
So viel hat jede nur gelebt,
Als sie vermocht dem Geist zu gelten,
Und zu verleihn dem Lauf der Zeit
Ein Abbild seiner Ewigkeit.

Zu heil'gem Lande führ' ich dich;
In seinem Schooß sah ich dich taufen,
Mit hohen Eichen kränzt' es sich,
Und seine Krone heißt der Staufen,
Der mich so oft erhob und beugte,
Da ich in seinem Anblick wohnte,
Der Kraft gedenk, die auf ihm thronte,
Vor der Europa einst sich neigte.
Ein herrlich, hochbegabtes Land!
Doch auch so vielverkannt wie keines!
Mein Knabe, leg' auf's Herz die Hand,
Es ist dein Vaterland und meines;
Und lerne, wie von Anbeginn
Sein Suchen war und sein Gewinn,
In Helden, Sängern und in Weisen
Der Gottesfülle Kraft zu preisen,
Der Dinge Tiefe zu ergründen,
Und sie den Völkern zu verkünden;
Wie für des Osterlichtes Prangen,
Das aus Judäa aufgegangen,
Vor andern gläubig es entglommen
In hehren Thaten, innigfrommen.
Und horch! dieß Land sei "arm" geworden,
"Es sinken seine Stadt' und Tempel,
Der Welt zum warnenden Exempel,"
So höhnt der Spott in West und Norden. —
Sieh mich nicht an, daß ich so roth!
Nicht Scham ist's ob der Deutschen Noth;
'S ist Scham, daß ihre Söhne wagen,
Den Lug dem Feinde nachzusagen,
Zu schmähn die eigne starke Hand,
Die oft in unwegsamem Land
Die Pfade wußte zu erspähn,
Und Schätze grub zum Menschenheile,
Dann selbstverleugnend zugesehn,
Wie sich darein der Fremdling theile.

So sind Propheten arm gewesen,
Die sich der Himmel auserlesen,
Den Völkern in des Zweifels Tagen
Des Glaubens Schild voranzutragen.
Zum Himmel, Sohn, will ich dich heben,
Dem Völkergott dich übergeben,
Daß er zu solchem Rüstzeug wähle
Und stärke deine reine Seele,
Zu retten aus des Spottes Staube
Der Deutschen Heil, an das ich glaube,
Und zu verkünden ihrem Samm
Die Herrschaft in des Geistes Namen.
Doch — was er Über dich beschlossen!
Der Vatersorge ist's genug,
Daß du ihm dienest unverdrossen,
Ob in der Werkstatt, ob am Pflug. —

In frischen Blüthen mögen gern
Verderblich Wetterstürme wüthen;
Blüh' freudig fort, du Kind des Herrn,
Dich wird sein guter Geist behüten!

Johann Georg Fischer






Johann Georg Fischer

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