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Die Aussicht bey Nacht

Gedicht von Friedrich Ludewig Bouterweck

Grau umflort, in feuchter Nebelhülle,
Ein verwirrtes Bild von Fern und Nah',
Liegt des Lebens weite Wunderfülle
Schauerlich in irren Formen da.

Keinen Laut der Freude, keine Klage
Hör' ich hier auf meiner Rasenbank.
Ruhig, wie am dritten Schöpfungstage,
Trinkt die Pflanze kühlen Lebenstrank.

Leise haucht es aus dem [?] Zweigen;
Schüchtern lauscht der halbe Mond hervor.
Grauenvolle Wolkenschatten steigen
Still an meines Hügels Fuß empor.

Wie so manche leichenkalte Wangen
Netzten heute Thränen, brennend heiß
Wie so Manche, die nach Freude rangen,
Wanden zuckend sich im Todesschweiß!

Wie so Mancher rieb, sich zu erheitern,
Heut' umsonst die wüste Stirne roth!
Tausend sahn ihr letztes Schiffchen scheitern;
Tausend wünschten bethend sich den Tod.

Aber Träume flattern her und flüstern
Kranken Seelen Balsamworte zu.
Wunsch und Wahrheit müssen sich verschwistern,
Und der Kranke sinkt in sanfte Ruh'.

Was ist unser Wachen? was ist Träumen?
Weißt du's, Prüfer, der die Wahrheit sucht?
Auf der Täuschung Wunder-Blüthenbäumen
Wächst des Menschenlebens schönste Frucht.

Sanft vom [?] übersponnen
Schafft der Geist sich selbst ein Paradies.
Raubt ein Morgen, was die Nacht gewonnen,
Dennoch war die Nacht nicht minder süß.

Pflückt die Balsamblume der Bethörung!
Laßt der Weisheit ihren Dornenkranz:
Keinem, Keinem ward noch je Belehrung
Von des Erdenlebens Dissonanz.

Vom Verwes'ten stammt das kaum Entstand'ne.
Leben ist des Todes krankes Kind.
Gräber lauern schon auf das Vorhand'ne,
Eh' sein Körnchen Stundensand verrinnt.

Hasch' im Fliehen, hasche, guter Träumer,
Deiner Freude tanzendes Phantom!
Mit der Danaiden leckem Eimer
Schöpfst du sonst noch Trost im Lethe-Strom.

Löse saust das Veilchen aus dem Moose!
Denn ein Grab, mit Blumen überstreut,
Ist für aufgeklärte Hoffnungslose
Die ganze Erdenheiligkeit.

Friedrich Ludewig Bouterweck

  
  
  

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