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Leben

Ich war ein Kind,
Wie Frühlingssäusel flogen
Die Lebenssorgen spielend um meine Locken;
Das Gras gab weich die Blumendecke,
Der Himmel das ungemessene Aug' –
Leben und Traum noch Eins:
Mich wiegte in beiden
Die Wiege der Liebe.

Ein Knabe ward ich.
Oft in den Hain der Eichen
Nahm mich mein Vater unter die heiligen Lauben;
Legte hinter die Garben des Feldes
Oft des Müden Ohr an des Meeres Sausen.
Ich bebte unter den regen Eichenwipfeln,
Weinte ob des Meeres Sausen.
Drückte vor dem Donner des Himmels
Mit der Lerche, dem Reh mich hinter die Büsche.
Doch blühten mir Blumen,
Mir sangen die Lüfte, die Vögel,
Warm schien die Sonne, der Fruchtbaum golden,
Sanft trug das Meer oft des Schaukelnden Kahn.

Ich ward ein Jüngling.
Götter des Himmels all!
Ihr kamt herab mit eurem seligen Traum.
Schwellend stand ich am Meer wie Wogen,
Wollte fließen fort mit den Wassern,
Stand lebendig unter dem Eichbaum,
Fühlte mich wie Lüfte gefiedert.
Adler des Himmels, ihr trugt mich oft
Glänzend in eure Donnerwolken,
In eurer Sonnen brünstige Glut;
Blumen der Erde, heiliger Mond,
Freundliche Nacht, wie liebt' ich euch,
Meine erste Liebe, geheim!
Schimmernd floß mir des Lebens Wolke
Um die schuldlosen Locken noch;
Mit prophetischer Raben Silberklang
Aus einsamer Luft
Umklangen mich Töne der Zukunft.
Ich lebt' und war glücklich.

Ich ward ein Mann.
Die himmlischen Götter all,
Die spielenden all, in ernster Gestalt
Stehen sie da: Ägide
Schüttelt Minerva, zum höllischen Webstuhl
Sah ich hinab ins Dunkel der Parzen:
Sie saßen und webten
Thränen und Freuden im schrecklichen Schweigen.
Und des Blutes geflügelte
Rächerinnen, die Eumeniden,
Standen umher, die grinsende Ate
Flocht verworrene Knoten der Schuld,
Und meinem Donner droben,
Fehlte der Klang, doch fraß
Mir sein Blitzstrahl die Hütte.
Flehend sah ich zum Himmel,
Wollte weinen und konnt' es nicht. –
Da nahm die Liebe den Mann
Freundlich an die milde Brust,
Füllt' ihm das Herz mit Jugend, das Aug' mit Thränen,
Gab dem Himmel den Glanz
Wieder, den Blumen den Duft –
Und die Sünde ging unter in Liebe,
Und die Eumenis wandelte abwärts,
Blüten kränzten das schuldige Haupt.

Ernst Moritz Arndt, 1805




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