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Verwandte Gedichte

 Ringelnatz, Silvester. 
 Droste-Hülshoff, Am letzten Tage des Jahres 
 Ringelnatz, Silvester 
 Baumgartner, Gute Vorsätze 
 Freiligrath, Ungarn. 

 

Silvester.

Joachim Ringelnatz


Es gibt bei Armen und Reichen
So manche Herzen bang und still;
Aus manchem dieser Herzen will
Die Sorge nimmer weichen.

Ich bin einer neuen Idee auf der Spur
Und überlege sie sehr:
Man sollte armen Leuten nur
Gutes tun oder sagen,
Ohne vorher oder hinterher
Nach ihnen zu fragen.

Wer hat das wohl zuerst bestellt,
Was nun so glatt sich leiert:
Daß jeder Stand und alle Welt
Terminlich trauert und feiert.

So wünschlein-pünschlein den andern gleich
Will ich mich nüchtern betrinken,
Um gegen Morgen durchs Federweich
In Kaktusträume zu sinken.

Etwa: Daß eine Mutschekuh,
Die vollgefressen mit Heu war,
Mein Zimmer betrat und rief mir zu:
»Prost Neujahr, Herr Doktor, prost Neujahr!«

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Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz

Am letzten Tage des Jahres

Annette von Droste-Hülshoff


(Silvester)

Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut',
Und stäubend rieselt in sein Grab,
Was einstens war lebend'ge Zeit.
Ich harre stumm.

's ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
Verrinnen, Zeit! Mir schaudert; doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht,

Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht;
Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelstor. O halber Sieg!
O schwerer Fall!

Wie reißt der Wind
Am Fensterkreuze! Ja es will
Auf Sturmesfittiche das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!

War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In deiner wüsten Brust Verließ,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
Vom starren Pol?

Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Öl.
Ist so mein Leben auch verraucht?
Eröffnet sich des Grabes Höhl'
Mir schwarz und still?

Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht. Ich wußt' es lang,
Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang.
Mir brüht der Schweiß

Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand. Wie! dämmert feucht
Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär' es der Liebe Stern vielleicht,
Dir zürnend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?

Horch, welch Gesumm?
Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr, ich falle auf das Knie:
Sei gnädig meiner letzten Stund'!
Das Jahr ist um!

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Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff




Silvester

Joachim Ringelnatz


Daß bald das neue Jahr beginnt,
Spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt
Genauso wie zu Pfingsten,

Genau wie jährlich tausendmal.
Doch Volk will Griff und Daten.
Ich höre Rührung, Suff, Skandal,
Ich speise Hasenbraten.

Mit Cumberland, und vis-à-vis
Sitzt von den Krankenschwestern
Die sinnlichste. Ich kenne sie
Gut, wenn auch erst seit gestern.

Champagner drängt, lügt und spricht wahr.
Prosit, barmherzige Schwester!
Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!
Rasch! Prosit! Prost Silvester!

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
In heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
Beginnt ein neues Leben.

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Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz

Gute Vorsätze

Ingo Baumgartner


Im neuen Jahr, so wird beschlossen,
Bleibt keine Unart, keine Sucht.
Man schwört im Kreise von Genossen,
Die Laster werden streng verflucht.

Silvester geht, man gähnt am Morgen,
Die Zigarette muntert auf.
Ein neuer Tag, noch leer an Sorgen,
Zu schade für den Fitnesslauf.

Auch Gerhard, Lastermitverdammer,
Trinkt zittrig, füllt das Gläschen neu.
Er weiß, gediegnen Katzenjammer
Vertreibt man mit Methylgebräu.

Freund Leo, Stunden schon Veganer,
Isst tief sich in die Neujahrsgans.
Auf Treue pfeifen Hundianer
Wie Norbert, Engelbrecht und Hans.

So gut wie jeder Schwur verraten,
Von schwachen Menschen, widerlich.
Champagner, Pfeife, Schweinebraten
Sind meineidfrei jedoch für mich.

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Ingo Baumgartner

Ingo Baumgartner

Ungarn.

Ferdinand Freiligrath


(Silvester 1848.)

Nun flackert durch die Heide
Der Lagerfeuer Brand;
Nun blitzt die krumme Schneide
In des Magyaren Hand;
Nun läßt er seine Herde,
Nun schwingt er sich zu Pferde,
Nun lehnt er am Verhau;
Und vor dem Eisensporn'gen
Aufrauscht das Lied der zorn'gen
Donau, der Heidefrau.

Sie jaucht in ihren Borden,
Sie schwillt vor Stolz und Wut:
»Glück auf, ihr braunen Horden,
Du heißes Ungarblut!
Ihr Hirten und ihr Jäger,
Ihr wilden Zimbalschläger,
Ihr Geiger unverzagt!
Ihr, die ihr als die letzten
Zur Schlacht mit dem zerfetzten
Panier der Freiheit jagt!

»Verraten allenthalben,
Verraten und schimpfiert,
Habt ihr es auf die Falben
Und Rappen euch salviert!
Vom Roß emporgehalten,
Bluteis in seinen Falten,
So trägt es der Magyar;
So läßt er breit es fliegen,
So läßt er es mit Siegen
Einweih'n das neue Jahr!

»Seht her doch, ihr nach Westen!
Ein Volk noch in der Welt,
Was trotzig mit der festen
Stahlhand am Aufruhr hält!
Im fernen, wüsten Osten,
Der Freiheit Außenposten,
Die schlagen jetzt die Schlacht,
Die, heiß zurück sich wälzend,
Jedwede Fessel schmelzend,
Auch euch zu Freien macht!

»Hört ihr der Hörner Gellen,
Hört ihr der Rosse Trab,
Seht ihr die blut'gen Wellen? –
Das ist der Kampf bei Raab!
Vorwärts ihr zottigen Reiter!
Vorwärts Kossuth, mein Streiter!« –
So klingt der Donau Schrei;
So wälzt sie sich mit Grollen
Hinab durch ihre Schollen
Zur schläfrigen Türkei.

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Ferdinand Freiligrath

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